Vergangenes loslassen

Mich erstaunt immer wieder, wie sehr wir alle Gefangene der Vergangenheit sind. Der Widerstand gegen Veränderungen und Wandel ist eine der größten Quellen des Leids, da Veränderungen schließlich unvermeidlich sind. Zu lernen, mit dem Wandel umzugehen und die Vergangenheit immer wieder loszulassen, ist eine der wichtigsten Übungen im Leben. 
Man fragt jemanden: "Wie geht's" und die Antwort lautet vielleicht "Miserabel". Was heißt das? Es heißt, dass diese Person einen schrecklichen Tag hinter sich hat und diesen Tag, der jetzt Vergangenheit ist, immer noch mit sich herumschleppt. Aber so geht es uns doch allen! Die Vergangenheit holt uns ein, und wir fangen an zu Klagen und zu Grübeln. Aber: Nichts von dem, was zeitlich schon hinter uns liegt, können wir noch ändern. Auch unser Geburtsort und die Familie, in die wir hineingeboren wurden, können wir nicht ändern. Leidern hadern viele Menschen auch als Erwachsenene noch jahrelang mit kränkenden Erfahrungen. Mag es auch nur allzu verständlich sein, es ist unmöglich daran etwas zu ändern.

 

Mein alter Zen-Meister (ein völlig unscheinbarer Mann, der so gar nichts von einem Guru hatte) sagte vor vielen Jahren zu mir: "Frei sein, heißt, dass du die Vergangenheit nicht ernst nimmst. Das sind nur gesammelte Erinnerungen. Darauf kannst du nicht bauen. Und worauf du nicht bauen kannst, das nimm besser nicht ernst. Lass es ziehen und sei einfach frei" . Damals habe ich das Ganze nicht verstanden und auch nicht wirklich ernst genommen. Selbst heute, zwanzig Jahre später, tue ich mich manchmal schwer damit, die Vergangenheit ziehen zu lassen.

 
Der Mystiker Eckhart Tolle sagt zum Thema Vergangenheit: "Was du mit Vergangenheit bezeichnest, ist eine in deinem Verstand aufbewahrte Erinnerung an ein früheres JETZT. Wenn du dich an die Vergangeheit erinnerst, reaktivierst du eine Erinnerungsspur - und das geschieht JETZT. Die Zukunft ist eine Vorstellung vom JETZT, eine Projektion des Verstandes. wenn die Zukunft eintrifft, trifft sie als JETZT ein. Wenn du über die Zukunft nachdenkst, dann tust du das JETZT. Vergangenheit und Zukunft haben offensichtlich keine eigene Realität..." Eckart Tolle schriebt über ein Phänomen, welches wir uns in in jedem Augenblick unseres Lebens bewusst machen können: Nur das JETZT ist wirklich real... alles andere ist ein Konstrukt unseres Verstandes.

 

Die meisten Menschen sind demnach Gefangene ihrer Vergangenheit. Sie sind so mit ihrer Vergangenheit identifiziert, das sie sie für das halten, was sie sind, für ihr "Ich". Das muss nicht sein, man kann von der Vergangenheit auch lassen. Das Festhalten an der Vergangenheit erzeugt viel Leid. Manche denken, dass die Vergangenheit erst "aufgearbeitet" weden muss. Das habe ich auch lange geglaubt. Wie die meisten Menschen war ich in mein eigenes Lebensdrama verliebt. Die Vergangenheit loslassen, das verlief nicht immer so glatt und widerspruchsfrei bis ich erkannte: Unsere Seele findet nur Frieden in sich selbst.  Durch regelmäßige Meditation und durch die Entwicklung einer "weisen" Sicht auf das Leben konnte ich akzeptieren, was geschehen ist. Zu lernen, die Dinge immer wieder loszulassen ist keine einfache Übung. Letztlich sind wir als Menschen genauso sterblich wie jedes Lebewesen. Wenn wir auch darüber reflektieren, spüren wir die Kostbarkeit eines jeden Atemzuges. Dann darf die Vergangenheit endlich zur Ruhe kommen und wir spüren die Liebe und Freiheit, die wir als innerste Essenz in uns tragen. 

 

Michael Weiger